Von der rechten Liebe des Freundes

5/8/2013

Liebe und Hass vertragen sich wohl.

Feuer und Wasser sind wider einander und doch vereinigt in der Wärme. Lieb und Hass sind Feinde, vertragen sich aber gar wohl in einem göttlichen Menschen. Ich liebe Gott, und hasse Alles, was an mir und Andern Gott zuwider ist. Die Liebe selbst ist gehässig. Warum hasst Gott die Sünde? Weil sie zuwider ist seiner Gerechtigkeit, die er lieb hat. Ich liebe dich, und hasse doch an dir deine Laster. Das, meinst du, sei nicht von Herzen geliebt. Wie, sprichst du, kann Lieb und Hass verknüpft sein? Gar wohl. Dich lieb ich, das Deine hasse ich. Person und Laster sind nicht einerlei. Trenn dich und Dein, so trennst du Lieb und Hass; fällt deine Sünde hin, mein Hass fällt mit hin.

Bei Wenigen findest du Liebe und Hass verbunden.

Mancher ist ohne Hass, liebt dich und das Deine, sieht dich sündigen, schweigt still, sieht durch die Finger, lässt ihm wohlgefallen was du Böses tust, will dich nicht erzürnen. Meinst du, dass derselbe dich liebe? Ach nein. Wie kann der mich lieben, der mich sieht in eine Grube fallen, und lässt mich nicht allein drin stecken, sondern lacht auch noch über mein Unglück? Die Liebe rettet, wo sie kann, allermeist die Seele. Das Deine liebt ein Solcher, und um des Deinen willen lässt er dich zum Teufel fahren.

Mancher ist ohne Liebe, hasst dich und das Deine. Sündigst du, wird er voller Zorn, richtet und verdammt dich, enthält sich von dir, sieht auch nicht gern, dass Andre mit dir umgehen. Meinst du wohl, dass ein Solcher dich jemals recht geliebt hat? Ach nein. Die Liebe zürnt allein dem Nächsten zu gut, und ob sie wohl zu seiner Sünde nicht schweigt oder dieselbe billigt, weiß sie doch einen feinen Unterschied zu machen zwischen Person und Untugend, und lässt Nichts unversucht, was zu des Nächsten Besserung dienen kann.

Augustinus sagt: Du musst die Laster nicht lieben um der Menschen willen, noch den Menschen hassen um der Laster willen, sondern je mehr du des Menschen Natur liebst, je mehr sollst du hassen das Laster, welches die Natur (und die Zukunft), die du liebst, besudelt hat. Ich weiß wohl, dass ich ohne Gebrechen nicht bin; drum will ich den für meinen besten Freund halten, der mir meine Gebrechen vorhält und aufrückt. So weiß ich wohl, dass meine Freunde nicht ohne Gebrechen sein können, drum will ich sie tadeln, wenn ich sie sündigen sehe. Ich will mit meinem gefallenen Freund umgehen wie der Goldschmidt mit dem Gold, ihn säubern aber nicht verwerfen; wie der Arzt mit dem Kranken, mich bemühen, dass ich ihn gesund mache, ihn aber nicht verlassen; wie ein Vater mit seinem Kinde, tadeln will ich ihn, aber nicht verstoßen, sondern seine Besserung suchen, und wenn dieselbe da ist, die Rute wegwerfen.

Meine Liebe soll nimmer vom Hass, noch mein Hass von der Liebe getrennt sein. Liebst du dich selbst in Jesus, so wird es dir nicht missfallen, dass ich deine Gebrechen nicht liebe. So du aber dich selbst nicht liebst bis hin zum Begehren dich zu ändern, wie kannst du mich lieben? Wähl dir zum Freund, wen du willst. Ich bin‘s nicht.

(Heinrich Müller, 1667)

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